indische Literaturen


indische Literaturen
ịndische Literaturen,
 
das mehr als drei Jahrtausende und zahlreiche Sprachen umfassende Schrifttum des indischen Subkontinents (indische Sprachen), das von den Inschriften der präarischen Harappakultur bis zu den gegenwärtigen Literaturen Indiens, Pakistans, Nepals und Sri Lankas reicht.
 
 Alt- und mittelindische Literatur
 
Vedische, Prakrit-, Pali- und Sanskritliteratur: Ausgangspunkt der indischen Literaturen sind die heiligen Schriften des Brahmanismus, der Veda, aus dem sich seit 1500 v. Chr. die Hauptströmungen des alt- und mittelindischen Schrifttums (die epische und klassische Literatur) entwickelten. An ihn schlossen sich die Brahmanas (1000-500) und die Upanishaden (seit 800 v. Chr.) als früheste Zeugnisse der (religiösen) Sanskritliteratur an. Auch die mittelindischen Dialekte, die unter dem Begriff Prakrit (Volkssprache) zusammengefasst werden, sind Nachkommen des Vedischen. Sie wurden besonders von den Buddhisten und Jainas verwendet. Erhalten sind u. a. der in Pali abgefasste Tipitaka-Kanon Buddhas sowie die in Ardhamagadhi überlieferten Lehrreden des Jaina Mahavira. Im Gegensatz dazu pflegten die brahmanischen Schulen, die mit Dichtern aus dem Kriegeradel die Heldenepen »Mahabharata« (darin die Bhagavadgita) und »Ramayana« schufen, das Sanskrit, das sich seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. in ganz Indien als Hochsprache durchsetzte. Die schlichten mythologischer Dichtungen der Puranas (wohl 4.-9. Jahrhundert), die sich meist um hinduistische Gottheiten bildeten, waren wie die religiös-didaktischen Tantras (zum Teil Agamas genannt) auch der Bevölkerungsmehrheit zugänglich und dienten den Dichtern der Folgezeit als Quelle, so z. B. das »Bhagavatapurana« (um 800 n. Chr.) den Anhängern Vishnus (den Bhagavata).
 
Mit der Guptadynastie (um 320 bis Ende des 5. Jahrhunderts) begann das von der Kunstdichtung (Kavya) geprägte klassische Zeitalter der indischen Literatur, das seinen Höhepunkt mit dem Werk Kalidasas erreichte, der sich als Epiker, Lyriker und Dramatiker gleichermaßen auszeichnete. Eine der ältesten erhaltenen Kunstdichtungen ist die Lebensbeschreibung Buddhas (»Buddhacarita«) des Ashvaghosha (etwa 100 n. Chr.), eine der populärsten Jayadevas religiös-erotischen Krishnadichtung Gitagovinda, die seit dem 12. Jahrhundert zur Verbreitung des Krishnaglaubens beitrug.
 
Kunstdichtung und Schauspiel waren Gegenstand einer strengen, in Lehrbüchern festgehaltenen Theorie. Seit der dem Bharata zugeschriebenen »Lehre der Bühnenkunst« (Natyashastra) galt die ästhetische Empfindung (Rasa) als zentrales Anliegen der Poetik und stand, neben dem Wesen und den Schmuckmitteln (Alamkara) der Poesie, v. a. seit dem 9. Jahrhundert im Mittelpunkt des theoretischen Interesses. Als Autoritäten galten u. a. Dandin (um 700), dessen Kunstroman »Dashakumaracarita« (deutsch u. a. als »Die zehn Prinzen«) ein Hauptwerk der Sanskritliteratur darstellt, Anandavardhana (9. Jahrhundert) und Ruyyaka (12. Jahrhundert). Neben den literarischen Werken sind v. a. die aus älteren kurzen Lehrtexten entstandenen Enzyklopädien zu den obersten Lebensprinzipien des Hinduismus bedeutsam. Dazu gehören u. a. Rechtslehrbücher, wie die dem legendären Manu zugeschriebene »Manusmriti«, Lehrwerke des religiösen Rechts (Dharmashastra), Staatslehrbücher (Arthashastra) sowie eine Abhandlung über die sinnlichen Freuden des Lebens (Kamasutra).
 
Besonders befruchtend auf die Weltliteratur wirkte die indische Erzählliteratur, wie z. B. die Märchen und Schwänke (in Prakrit) sowie die Fabeln (in Sanskrit). Schon früh übersetzt wurden u. a. Kalila und Dimna aus der Fabelsammlung Pancatantra und das Papageienbuch.
 
Dravidische Literatur: Die erste der dravidischen Literatursprachen (Tamil, Kannada, Malayalam und Telugu), die unabhängig vom Sanskrit entstand, war Tamil, das allein auch auf eine höfische Tradition zurückgreifen konnte und dessen Grammatik und Poetik (das »Tolkappiyam«) bereits im 1. Jahrhundert v. Chr. verfasst wurden. Die Normierung der Sprache und der Literatur ging wohl von den legendären »Dichterakademien« (Sangamliteratur) aus. In der Folgezeit entstanden Kunstepen (u. a. das hinduistische Epos »Shilappatikaram«, 2. Jahrhundert n. Chr., und sein buddhistisches Gegenstück »Manimekalai«), Spruchdichtungen (bedeutend v. a. der »Kural« des Tiruvalluvar), die auch im Norden nachgeahmt wurden. Einfluss auf die gesamte indische Dichtung nahm die in der Volksreligion des Südens wurzelnde Bhaktiliteratur (Bhakti), deren Anfänge in den Preisliedern der vishnuitischen Hymnendichter, der Alvars (6.-10. Jahrhundert), und in dem Tirumurai (6.-12. Jahrhundert) der shivaitischen Nayanars zu suchen sind. Perundevanars Übersetzung des »Mahabharata« zeugt bereits im 8. Jahrhundert von der hohen Eigenständigkeit des Tamil. Ab dem 11. Jahrhundert fand v. a. unter der Herrschaft der Cola (9.-12. Jahrhundert) eine intensive Rezeption der Sanskritliteratur (Epik, wissenschaftliche Werke) statt.
 
Die Kannadaliteratur (Steininschriften seit dem 5. Jahrhundert n. Chr.), in älterer Zeit unter starkem Einfluss des Sanskrit (Epen, jainistische Werke), kannte seit dem 10. Jahrhundert eine eigenständige Entwicklung, während die Literatur in Malayalam erst im 13. Jahrhundert mit Adaptationen aus der Sanskritliteratur einsetzte. Die ältere überwiegend religiöse Teluguliteratur (überliefert seit dem 6. Jahrhundert) entnahm ihre Stoffe ebenfalls den Sanskritlegenden, bewahrte in ihrer Erzählweise jedoch stärker die dravidische Tradition. Am Anfang einer selbstständigen Literatur standen Nannecoda (10. Jahrhundert?) und Nannaya Bhattas Teluguübersetzung des »Mahabharata« (11. Jahrhundert), die Tikkanna im 13. Jahrhundert fortführte.
 
Mit der Entwicklung der Regionalsprachen im Laufe des 2. Jahrtausends schwand der Einfluss des Sanskrit als Literatursprache. Es wurde aber von der gebildeten Oberschicht als Sprache der religiösen Literatur, des Theaters und der Wissenschaft weiter gepflegt.
 
 Neuindische Literaturen
 
Die islamische Eroberung gegen Ende des 12. Jahrhunderts, die am Beginn der neuindischen Epoche steht, fügte den traditionellen Kulturkreisen des Hinduismus und Buddhismus das muslimische Kulturgut hinzu. Die christlichen Missionare legten seit dem 18. Jahrhundert den Grundstein für westliche Einflüsse, die sich mit der Verbreitung der englischen Sprache konsolidierten. Diese ergänzt heute 14 große Verfassungssprachen Indiens, die auch jüngere Literaturen wie die in Kaschmiri beinhalten. Einen Sonderfall stellt Bihari dar, dessen literarische Tradition sich v. a. in Maithili entwickelte.
 
Die bengalische Literatur ist eine der umfangreichsten und bekanntesten der Literaturen Indiens. Sie nimmt ihren Anfang in den buddhistischen Liedern (»Caryas«) um 1000. Die klassische Literatur beginnt mit den vishnuitischen Werken des Candidas (um 1400) und des Caitanya. Bedeutende spätere Vertreter dieser Periode sind im 18. Jahrhundert B. Ray und Ramprasad Sen (* 1715, ✝ 1755). In der Kolonialzeit erhielten Epik und Prosa neue Impulse durch M. M. Datta und B. Chatterjee. Das im Zeichen der englischen Romantik stehende lyrische Werk R. Tagores zählt zur Weltliteratur. Manik Bandyopadhyay (* 1908, ✝ 1956), dessen Werk »Putulnachen Hikatha« (1936) in viele Sprachen übersetzt wurde, stand dagegen der politisch engagierten Literatur der progressistischen Bewegung nahe, deren Anhänger sich 1936 in der »Progressive Writers' Association« zusammenfanden. Zur selben Zeit erlangten die unpolitischen Romanciers Bibhutibhusan Bandyopadhyay (* 1894, ✝ 1950) und Tarashankar Bandyopadhyay (* 1898, ✝ 1971) sowie der Erzähler Banaphul (* 1899, ✝ 1979) überregionalen Ruhm. Die moderne bengalische Lyrik wird u. a. von Jibanananda Das (* 1899, ✝ 1954), Buddhadev Bose (* 1908, ✝ 1974), Bishnu De (* 1909, ✝ 1982), Sankha Ghosh (* 1932), Alokeranjan Dasgupta (* 1933), Shakti Chattopadhyay (* 1933) und Sunil Gangopadhyay (* 1934) vertreten (zum Teil deutsche Übersetzung). Auch die Schriftstellerinnen Mahasveta Devi (* 1926) und Kabita Sinha (* 1931) benutzen v. a. Bengali als Literatursprache.
 
Bengali und das ihm nah verwandte Assamesisch sind die Hauptverkehrssprachen Assams. Die assamesische Literatur, von Shankara Deva (* 1449, ✝ 1569), einem Anhänger der vishnuitischen Bewegung Caitanyas, begründet, stand lange im Schatten der bengalischen Entwicklung. Von den Missionaren gefördert, konnte sie sich jedoch nach der offiziellen Anerkennung als Staatssprache Assams (1873) als eigenständige Variante der neuindischen Literatur etablieren. Die Identitätsfrage Assams wird heute besonders in der Lyrik Hiren Bhattacharyas (* 1932) und Nilmani Phookans (* 1933) behandelt. - Nach der Teilung Indiens entwickelte sich im heutigen Bangladesh eine bengalische Literatur, in der säkulare und islamische Elemente ineinander übergehen.
 
An der Entwicklung der Gujaratiliteratur hatten die Jainamönche einen wesentlichen Anteil. Ihre frühesten Texte (1100-1300) finden sich im Werk Hemacandras (* 1088, ✝ 1172). Nicht genau datierbar ist eine jainistische Bearbeitung des Mahabharatastoffes von Nala und Damayanti. In die mittlere Periode gehören die dem Brahmanen Narsimha Mehta (* 1414, ✝ 1481) zugeschriebenen Verssammlungen zu Ehren Krishnas aus dem Bereich der Bhaktidichtung. Nach einem Niedergang im 16. Jahrhundert erlebte die Gujaratiliteratur mit Premanand eine Blütezeit. Im 19. Jahrhundert begann mit Narmadashankar (* 1833, ✝ 1886) ein umfangreiches Prosaschrifttum. Als einer der wichtigsten Autoren gilt Govardhanram Tripathi (* 1855, ✝ 1907), dessen sozialkritischer Roman »Sarasvaticandra« (1887-1901, 4 Bände) half, die Lehren Gandhis vorzubereiten, dessen Autobiographie selbst Vorbild für ein reichhaltiges politisches Schrifttum wurde. Die Lyriker Vipin Parikh (* 1932) und Sitanshu Yashaschandra (* 1941) sind zurzeit die bedeutendsten Vertreter der Literatur in Gujarati.
 
Das älteste erhaltene Werk der Hindiliteratur ist das aus dem Leben der Rajputen berichtende Heldenepos »Prithiraj-raso« des Cand Bardai (* 1192). Es bildete den Ausgangspunkt der panegyrischen höfischen Dichtung, die auch von islamischen Fürsten gefördert wurde. Daneben traten im 15. Jahrhundert zahlreiche der Krishnaverehrung entspringende Werke, u. a. die des Vidyapati Thakur (* 1360, ✝ 1450) aus Mithila, der verwitweten Prinzessin Mirabai aus Jodhpur, des blinden Dichters Surdas sowie des Webers Kabir, der die volkstümliche Hindureligion mit dem Islam zu verschmelzen suchte. Der von ihm beeinflusste Nanak begründete die Religion der Sikhs. Ein heute noch beliebtes Meisterwerk schuf im 16. Jahrhundert Tulsidas mit seiner Neuschöpfung der Ramalegende (»Ramcaritmanas«).
 
Am Beginn der Moderne steht der Schöpfer des Hochhindi, Lalluji Lal (* 1763, ✝ 1835), der verschiedene Sanskritwerke in Hindi bearbeitete. Die Prosaliteratur des 19. Jahrhunderts wurde von Harishcandra (* 1850, ✝ 1885) angeregt. Nirala (* 1898, ✝ 1961) und Sumitranand Pant (* 1900), zunächst Anhänger der romantischen Chayavadabewegung der 1920er- und 1930er-Jahre, fühlten sich später der »progressistischen« Schule verpflichtet, der auch die über die Grenzen Indiens hinaus bekannten sozialkritischen Romane M. Premcands (der auch in Urdu schrieb) zuzurechnen sind. Mahadevi Varma (* 1907) erschloss sich die Tradition des Althindi. In deutscher Übersetzung liegen u. a. Erzählungen von Jainendra Kumar (* 1905, ✝ 1988), M. Varma und der Schriftstellerin Mannu Bhandari (* 1931) sowie Kurzgeschichten von Renu vor. Ebenso sind Erzählungen, Essays und Gedichte von Ajneya (das ist S. H. Vatsyayan, * 1911, ✝ 1987) sowie Gedichte von Raghuvir Sahay (* 1929) und Vishnu Khare (* 1940) ins Deutsche übertragen.
 
Die erste große Dichtung der Marathiliteratur ist ein Kommentar (um 1290) des brahmanischen Asketen Jnaneshvar zur Bhagavadgita. Auch die Werke des Schneiders Namdev (* 1270, ✝ 1350), des wegen seiner Ablehnung des Kastensystems aus der Brahmanenkaste ausgestoßenen Eknath (* 1548, ✝ um 1600) und Tukarams (17. Jahrhundert), des einflussreichsten Dichters Maharashtras, gehören zum Kreis der vishnuitischen Dichtung. Der Begründer der modernen Marathilyrik ist Keshavsut (* 1865, ✝ 1905), der der Prosaliteratur der Essayist und Nationalist Vishnushastra Chiplunkar (* 1850, ✝ 1882). Hari Narayan Apte (* 1864, ✝ 1919) und D. M. Pitale (* 1882, ✝ 1928) schrieben v. a. historische Romane, V. M. Joshi (* 1882, ✝ 1943) wandte sich auch psychologischen Themen zu. Zu den bekannten Autoren der Gegenwart gehören der Dramatiker Vijay D. Tendulkar und der Erzähler Daya Pawar. Gedichte von Arun Kolatkar (* 1933) und Dilip Chitre (* 1938) liegen in deutscher Übersetzung vor.
 
Die Oriyaliteratur begann mit den Liedern des Markandadasa im 14. Jahrhundert und erreichte mit dem Schaffen Upendrabhanjas (* 1670, ✝ 1720) ihren Höhepunkt. Es folgten Bearbeitungen der großen Epen, wobei die Legenden um Krishna im Vordergrund standen. Die Moderne wurde durch die Prosaisten Madhusudan Rao (* 1853, ✝ 1912), Phakirmohan Senapati (* 1843, ✝ 1918) und Radahanath Ray (* 1848, ✝ 1908) eingeleitet. Die Lieder des Gopabandhu Das (* 1877, ✝ 1928) standen im Dienst des Nationalismus. Die Gedichte von Sitakant Mahapatra (* 1937) spiegeln ein neues Kunstbewusstsein wider.
 
Die dravidischen Literaturen der neueren Zeit umfassen zahlreiche philosophische Texte in der shivaitischen Tradition des Südens (u. a. von Shrinath, * 1365, ✝ 1440). Die Teluguliteratur erlebte in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts am Hof von Vijayanagar, wo u. a. auch Kannada gesprochen wurde, eine Blüte. Das 18. Jahrhundert war die Zeit der volkstümlichen Genres (Hymnen, Volksdramen u. a.). Mit K. Viresalingam Pantulu (* 1848, ✝ 1919) setzte ein Neubeginn der Teluguliteratur ein, die Modernisierung der tamilischen Sprache gelang Subrahmanya Bharati (* 1882, ✝ 1921). In der Telugudichtung von Sri Sri (* 1910, ✝ 1983) trat eine kompromisslos progressive Haltung zutage. Der sozialkritische Roman fand in Malayalam (Takazhi Shivasankara Pillai, * 1912), Kannada (U. R. Anantamurthy, * 1932, ✝ 1990) und Tamil (D. Jayakanthan, * 1934) wichtige Repräsentanten. Weitere herausragende Dichterpersönlichkeiten des Südens sind der tamilische Erzähler Ka Naa Subramanyam (* 1912, ✝ 1989) sowie die v. a. mit englischen Veröffentlichungen hervorgetretenen Schriftsteller R. Rao (u. a. Essays in Kannada) und R. K. Narayan. Die Erzählerin Kamala Das verwendet neben dem Englischen auch Malayalam als Literatursprache.
 
Das bedeutendste ältere Werk der Panjabiliteratur, die wie die Sindhiliteratur auch eine der Literaturen Pakistans ist, wurde im 17. Jahrhundert verfasst. Auch den muslimischen Dichtern, die sich des Persischen (Hofsprache der Mogulherrscher) und des Arabischen (religiöse Dichtung) bedienten, galten diese Volkssprachen lange nicht als literaturwürdig. Bedeutend für die Sindhiliteratur waren die Sufimystiker Shah Abdul Latif (* 1689, ✝ 1752) und Divan Korumal Candani (* 1844, ✝ 1916), der die Sindhiprosa ins Leben rief, sowie sein Nachfolger Mirza Qalic Beg (* 1853, ✝ 1929). Die in 22 Fassungen überlieferte Liebesgeschichte »Hir Ranjha« des Varis Shah (* 1735, ✝ 1784) gilt als das Werk im reinsten Panjabi, das seit dem 18. Jahrhundert in der muslimischen Literatur vom Urdu verdrängt wurde. Vertreter der modernen Panjabiliteratur sind der Erzähler Vir Singh (* 1872, ✝ 1957), der Lyriker Dhani Ram Catrik (* 1856, ✝ 1954), der Satiriker Caran Singh Sahid (* 1891, ✝ 1936), die Lyrikerin und Erzählerin Amrita Pritam (* 1919) sowie der Lyriker Harbhajan Singh (* 1920).
 
Seit dem 17. Jahrhundert wurde das Urdu, ein persifizierter Hindidialekt, von den Sultanen des Dekhan gefördert. Bahnbrechend für die Urduliteratur war das Werk des größten Dichters dieser Zeit, Wali (* 1668, ✝ 1744). Literarische Zentren entstanden in Delhi (17. Jahrhundert), wo dann auch der noch heute gefeierte Dichter M. A. K. Ghalib am Hof des letzten Großmoguls wirkte, in Lucknow (18. Jahrhundert) und Hyderabad (19. Jahrhundert). Vater der modernen Literatur ist M. Iqbal, der in seinem Werk die Bildung Pakistans befürwortete. Die Prosa öffnete sich im 20. Jahrhundert v. a. sozialkritischen Tendenzen (Saadat Hasan Manto, * 1912, ✝ 1955). Aber auch nichtmuslimische Erzähler wie Rajinder Singh Bedi (* 1915) schreiben in Urdu. Die Urduliteratur Indiens befindet sich heute in einer schwierigen Situation, da Urdu sich nach der Teilung Indiens nur in wenigen Gebieten als Amtssprache halten konnte.
 
Die Wurzeln der indoenglischen Literatur (Indo-Anglian literature) liegen im frühen 19. Jahrhundert, als sich in Indien eine Gesellschaft etablierte, die sich dem Englischen (seit 1835 offizielle Landessprache) und somit westlichen Einflüssen öffnete. Die indoenglische Literatur, die in den 1920er- und 30er-Jahren ein eigenständiges Literaturkonzept entwickelte (K. R. Srinivasa Iyengar, * 1908), gelangte nach der politischen Unabhängigkeit (1947) zur vollen Entfaltung. Sie ist zu unterscheiden von der angloindischen Literatur (Anglo-Indian literature) der englischen Kolonialschriftsteller, die die kolonialen Erfahrungen häufig exotisch ausgestalteten. Das dabei vermittelte Indienbild wurde zwar von B. Bhattarcharya und Philip Meadows Taylor (* 1808, ✝ 1876), u. a. in dem Roman »A noble queen« (1880), korrigiert, dennoch prägt dieser Zwiespalt noch das Werk R. Kiplings, der die angloindische Literatur zu internationaler Anerkennung führte. Innovative Ansätze zeigten sich u. a. im Werk E. M. Forsters (»A passage to India«, 1924) oder in L. H. Myers' Romantetralogie »The near and the far« (1929-40), aber auch sie vermochten die angloindische Literatur nicht zu erneuern.
 
Zu den Initiatoren der indoenglischen Literatur zählen v. a. Ram Mohan Roy (* 1772, ✝ 1833), der Begründer der Brahmasamaj, mit seinen Übersetzungen aus den heiligen Schriften der Brahmanen und Henry Louis V. Derozio (* 1809, ✝ 1831), der in der Verserzählung »The fakeer of Jungheera« (1828) unter Rückgriff auf indische Mythologie und Philosophie sich an der englischen Romantik orientierte, ein Beispiel, dem Kasiprasad Ghose (* 1809, ✝ 1873), M. M. Datta u. a. folgten. Noch im 20. Jahrhundert finden sich Parallelen zu englischen Vorbildern in der Lyrik, zu deren hervorragendsten Zeugnissen die Werke von Manmohan Ghose (* 1869, ✝ 1924) und seinem Bruder Sri Aurobindo, Govind Chunder Dutt (Herausgeber der ersten indoenglischen Lyrikanthologie »The Dutt family album«, 1870), seinen Töchtern Aru (* 1854, ✝ 1874) und Toru (* 1856, ✝ 1877) sowie seinem Neffen Romesh Chunder Dutt (* 1858, ✝ 1909) gehören.
 
Einer der ersten Prosaschriftsteller war B. Chatterjee, dessen von W. Scott beeinflusste Familientragödie »Rajmohan's wife« (1864) Schule machte. Im Romanschaffen nach dem Ersten Weltkrieg erfolgte im Werk von M. R. Anand eine Hinwendung zur sozialkritischen Darstellung (u. a. »Untouchable«, 1935). Einen breiten Raum nimmt aber auch, zum Teil bis in die 70er-Jahre, die zur Unabhängigkeit führende nationale Bewegung ein, so bei R. K. Narayan, K. Singh und R. Rao. Nach 1947 wird das Problem der nationalen Identität zu einem zentralen Thema. Ein weiteres Anliegen ist der Konflikt zwischen östliche und westliche Kultur (B. Rajan, Arun Joshi, * 1939, Kamala Markandaya, B. Bhattacharya). R. Raos komplexes Werk »The serpent and the rope« (1960) über den sprachlichen und mythologischen Kulturkonflikt gilt als Höhepunkt der indoenglischen Erzählkunst. Auch der Gegensatz zwischen Tradition und Moderne sowie die Situation der indischen Frau sind Gegenstand v. a. der Prosa. Neben Bhattacharyas »Music for Mohini« (1952), Markandayas »Nectar in a sieve« (1954) und Anands »The old woman and the cow« (1960, 1976 unter dem Titel »Gauri«), die auch das harte Leben der Frauen auf dem Land mit einbeziehen, sind Anita Desais und Shashi Deshpandes (* 1937) psychosoziale Studien über Frauengestalten der hinduistischen Mittelschicht hervorzuheben.
 
Einen Einblick in das Leben der muslimischen Inder findet sich in Ahmed Alis (* 1912) »Twilight in Delhi« (1940) sowie v. a. bei S. Rushdie, der in »Midnight's children« (1981) und »Shame« (1983) ein grimmig-realistisches Bild der politischen Entwicklung Indiens und Pakistans nach der Unabhängigkeit entwirft.
 
In jüngster Zeit haben nach der Arbeit der »Little Theatre Group« (1953-59) in Kalkutta die Erfolge A. Currimbhoys und Partab Sharmas (»A touch of brightness«, 1968) ein neues Interesse am englischsprachigen Drama geweckt. Für die neben der von allen namhaften Romanautoren gepflegten Shortstory produktivste Gattung, die Lyrik, die durch die Gedichte von J. Mahapatra, Keki N. Daruwalla (* 1937), N. Ezekiel, D. Moraes, Monika Varma und Kamala Das auch international bekannt wurde, war P. Lals »Writers' Workshop« (gegründet 1958 in Kalkutta) eine wichtige Orientierung.
 
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie v. a. auch in den folgenden Artikeln:
 
Bihari · englische Literatur · nepalesische Literatur · pakistanische Literaturen · singhalesische Literatur · tamilische Literatur
 
Anthologien: B. Gargi: Land der fünf Ströme. Erzählungen aus Indien (Berlin-Ost 1957); Der Tigerkönig. Erzählungen und Kurzgeschichte aus Indien (ebenda 1966); Indische Fabeln, erzählt von S. Yesudian (aus dem Englischen, 1985); Gelobt sei der Pfau, herausgegeben von A. Dasgupta (1986); Indische Märchen, herausgegeben von J. Hertel (1986).
 
 
 
G. R. Garg: International Encyclopaedia of Indian literature, auf zahlr. Bde. ber. (Delhi 1987 ff.).
 Allgemeines und Gesamtdarstellungen:
 
Literatures in modern Indian languages, hg. v. V. K. Gokak (Delhi 1957);
 H. von Glasenapp: Die Lit.en Indiens (1961);
 S. K. Chatterji: Languages and literatures of modern India (Kalkutta 1963);
 P. Gaeffke: Grundbegriffe moderner ind. Erzählkunst (Leiden 1970);
 
Indian literature of the past fifty years 1917-1967, hg. v. C. D. Narasimhaiah (Mysore 1970);
 
A history of Indian literature, hg. v. J. Gonda, 29 Bde. (Wiesbaden 1973-87);
 A. Schimmel: Islamic literatures of India (ebd. 1973);
 E. Gerow: Indian poetics (ebd. 1977);
 
The Indian narrative, hg. v. C. Shackle u. R. Snell (ebd. 1992).
 Vedische, Prakrit-, Pali- und Sanskritliteratur:
 
M. Winternitz: Gesch. der i. L., 3 Bde. (1905-22);
 W. Geiger: Pali. Lit. u. Sprache (Straßburg 1916);
 J. Gonda: Vedic literature (Wiesbaden 1975);
 
Älteste ind. Dichtung u. Prosa, hg. v. K. Mylius (Neuausg. 1981);
 K. R. Norman: Pali literature (Wiesbaden 1983);
 S. Lienhard: A history of classical poetry. Sanskrit - Pāli - Prakrit (ebd. 1984);
 K. Mylius: Gesch. der altind. Lit. (Neuausg. Bern 1988).
 Dravidische Literatur (ältere und neuere):
 
P. T. Rajll: Telugu literature (Bombay 1944);
 K. Kailasapathy: Tamil heroic poetry (Oxford 1968);
 G. Venkata Sitapati: History of Telugu literature (Neu-Delhi 1968);
 
Tamil culture and civilization, hg. v. X. S. Thani Nayagam (New York 1970);
 K. V. Zvelebil: Tamil literature (Wiesbaden 1974);
 
Poets of the Tamil anthologies. Ancient poems of love and war, hg. v. G. L. Hart (Princeton, N. J., 1979).
 Neuindische Literaturen:
 
Bengal. und assames. Literatur: S. Sen: History of Bengali literature (Neu-Delhi 1960);
 S. N. Sarma: Assamese literature (Wiesbaden 1976);
 D. Zbavitel: Bengali literature (ebd. 1976);
 
Bengal. Erzählungen, hg. v. M. Feldsieper (Neuausg. 1980).
 
Hindiliteratur: P. Gaeffke: Hindiromane in der ersten Hälfte des 20. Jh. (Leiden 1966);
 P. Gaeffke: Hindi literature in the twentieth century (Wiesbaden 1978);
 R. S. McGregor: Hindi literature of the nineteenth and early twentieth century (ebd. 1974);
 R. S. McGregor: Hindi literature from its beginnings to the nineteenth century (ebd. 1984).
 
Gujarati-, Marathi- und Oriyaliteratur: N. B. Divatia: Gujarati language and literature, 2 Bde. (Bombay 1921-32);
 M. Mansinha: History of Oriya literature (Neu-Delhi 1962);
 S. G. Tulpule: Classical Marāṭhī literature (Wiesbaden 1979).
 
Panjabiliteratur: M. Singh: A history of Panjabi literature, 1100-1932 (Amritsar 21956);
 R. C. Temple: The legends of the Panjâb, 3 Bde. (Neuausg. Patiala 1962-63);
 I. D. Serebiakov: Punjabi literature (a. d. Russ., Moskau 1968).
 
Urduliteratur: M. Sadiq: A history of Urdu literature (London 1964);
 M. A. Barker: A reader of modern Urdu poetry (Montreal 1968);
 A. Schimmel: Classical Urdu literature from the beginning to Iqbāl (Wiesbaden 1975);
 M. A. u. D. Ansari: Chrestomathie der Urdu-Prosa des 19. u. 20. Jh. (Leipzig 21977).
 
Angloindische und indoenglische Literatur: The golden treasury of Indo-Anglian poetry, 1828-1965, hg. v. V. K. Gokak (Neu-Delhi 1970);
 D. McCutchion: Indian writing in English. Critical essays (Kalkutta 1973);
 J. Meyers: Fiction and the colonial experience (Neuausg. Totowa, N. J., 1973);
 K. R. Srinivasa Iyengar: Indian writing in English (New York 21973);
 D. Riemenschneider: Der moderne englischsprachige Roman Indiens (1974);
 H. M. Williams: Indo-Anglian literature, 1800-1970 (Bombay 1976);
 S. C. Harrex: The fire and the offering. The English-language novel of India 1935-1970, 2 Bde. (Kalkutta 1977-78);
 G. Stilz: Grundl. zur Lit. in engl. Sprache, Bd. 4: Indien (1982);
 W. Walsh: Indian literature in English (London 1990);
 G. N. Devy: In another tongue. Essays on Indian english literature (Frankfurt a. M. 1993).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
indische Sprachen, Schriften und Literaturen
 
Kalidasa und die klassische Kunstdichtung
 
Mahabharata, Ramayana und Bhagavata Purana: Die indischen Epen
 

Universal-Lexikon. 2012.

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  • Indische Literatur — Wegen der Vielzahl der Sprachen, die in Indien gesprochen und geschrieben werden, kann von der indischen Literatur nur im Plural gesprochen werden. Die indischen Literaturen zählen zu den ältesten literarischen Traditionen der Welt. Die… …   Deutsch Wikipedia

  • Indische Mythologie — Die indische Mythologie beruht weitgehend auf den Vorstellungen des Hinduismus. Sie lässt sich zurückführen bis auf die Hymnen des Rigveda (ab 1200 v. Chr.), auf die Epen wie das Mahabharata (400 v. Chr. bis 400 n. Chr.) und das Ramayana sowie… …   Deutsch Wikipedia

  • indische Schriften. — ịndische Schriften.   Alle indischen Schriften im engeren Sinne sind aus der altindischen Brahmischrift abgeleitet. Daneben gibt es Sonderformen von beschränkter lokaler und nur historischer Bedeutung wie die noch immer unentzifferte Schrift der …   Universal-Lexikon

  • indische Sprachen — ịndische Sprachen,   die Sprachen des indischen Subkontinents; sie werden auf mehr als 1 500 Einzelsprachen geschätzt. Diese Vielzahl gliedert sich zum einen in 15 regional gebundene Hauptsprachen, deren Sprecherzahl bei den meisten über 20 Mio …   Universal-Lexikon

  • Marathi — Ma|ra|thi 〈n.; od. s; unz.〉 zu den neuind. Sprachen gehörende Sprache der Marathen * * * Ma|ra|thi, das; : Sprache der Marathen. * * * Marathi,   eine der 15 indischen Hauptsprachen mit schätzungsweise bis zu 50 Mio. Sprechern, v. a. im… …   Universal-Lexikon

  • indisches Theater. — ịndisches Theater.   Die multikulturelle Theaterkultur Indiens ist eine der ältesten und vielseitigsten der Erde; schon in der frühesten Form des indischen Theaters haben sich Dichtung, Musik und Gesang sowie Elemente des Kunsttanzes, des… …   Universal-Lexikon

  • tamilische Literatur — tamilische Literatur,   Tamil|literatur, die erste unter den indischen Literaturen, die, von alters her streng stilisiert, unabhängig vom Vorbild des Sanskrits entstanden ist. Das Tolkappiyam (1. Jahrhundert v. Chr.) bezeugt das Streben nach… …   Universal-Lexikon

  • Malayalam — Ma|la|ya|lam 〈n.; od. s; unz.〉 eine drawidische Sprache * * * Ma|la|ya|lam, Malajalam, das; : drawidische Sprache, die in Südindien gesprochen wird. * * * Malayalam,   eine der dravidischen Sprachen innerhalb der indischen Sprachen; gesprochen im …   Universal-Lexikon


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